PILOTPROJEKT SÜD SUDAN

 

Fact Finding Mission Dezember 2011

Kurzbericht FACT FINDING MISSION im Südsudan
13. -22.12.2011

Di 13 12.
Flug Wien--Kairo, langwierige Einreiseformalitäten (über 1 Stunde, auch mit Bakschisch nicht verkürzbar). Der Flughafen modern, funktional, aesthetisch. Kairo macht (bei dem minimalen Einblick) den Eindruck einer sauberen, modernen Großstadt.

Mi 14.12.
Um 6 Uhr Shuttlebus zum Flughafen geplant, Abfahrt erst gegen 7 Uhr--grosse Sorge wegen Erreichen des Fluges. Am Flugsteig treffen wir den Handelsdeligiertenstv. Stephan Spazier (fliegt natürlich Bussinesclasse). Interessanter Flug über die Sahara, oft entlang des Nils.

In Juba Abholung von mehreren Verwandten von Butros. Sein Koffer ist nicht angekommen—grosse Bestürzung! Werden zur Missionsstation der evang. Episkopalkirche gebracht—sehr bescheidene Ausstattung bei stolzen Preisen (85 $ per Zimmer!).Nachmittags wegen Visum zum Flughafen—Butros Koffer steht einsam in der Halle—spricht für die Ehrlichkeit der Menschen!!

Interessante Gespräche mit Bruder TuT—evang. Pastor, Leiter der prespiterianischen Kirche des Südsudan und Ministerialbeamter.
Abendessen am Nil. Treffen mit ev. Superintendenten und Informations-Vizeminister—einflussreicher Mann und „Grossvater“von Butros und Tut. Es kommen noch zahlreiche Freunde und Verwandte dazu, auch St. Spazier und ein Menschenrechtsexperte.
Abends beim „Big chief“ über den Clan von ung 100.000 Menschen im Gebiet von Pieri. Der Chief ist alt und gebrechlich, aber geistig voll da (15 Jahre jünger als ich, mit neuer 20-jähriger Frau). Formales Treffen mit vielen Verwandten.

Do 15.12.
Fahrt nach Bor (Hauptstadt des Bundesstaates Jongley mit 1.1/2 Mill. Einwohnern) mit Billi (auch ein “Bruder”…Butros Vater hatte 16 Frauen, sein Grossvater ebensoviele, insgesamt hat Butros ung 300 Verwandte!!) . 7-stündige Fahrt im vollgestopften Landcruiser über die „Hauptstrasse“—die schlechteste Strasse, die ich je erlebt habe! Unterbringung im einzig akzeptablen Hotel in Bor, direkt am Nil—grosse Ähnlichkeit mit dem Niger, aber ohne Fischerboote. Abends bei Billi— unatraktives „Wellblechanwesen“. In der Nacht Millionen grosser Glühwürmchen!!!

Fr. 16.12
Stellvertr. Gouverneur= Landeshauptmann des Bundesstaates JONGLEI, sehr aufgeschlossen für unser Projekt ( er gehört zum Stamm von Butros). Fahrt nach Pieri nicht möglich wegen unpassierbarer Strassen. Ausserdem war dort ein Bandenüberfall mit Toten ( Angaben von 15, über 100, bis zu über 1000!!!) und geraubten Kindern und Kühen.
Mehrere Politiker werden Zugezogen: Gesundheitsministerin von Jongley, Bürgermeister von Bor.
Im Gesundheitsministerium genaue Information über die Gesundheitsstruktur im Bundesstaat mit 5 Experten. Besuch des gegenüberliegenden Spitals, mit den Abteilungen:

  • Interne (kaum belegt)
  • Chirurgie mit chirurg. „Kleinigkeiten“, Knochenbrüchen (keine Verplattungen) und Schussverletzungen
  • Pädiatrie—vorwiegend Kinder mit Malaria
  • Geburtshilfe-Gyn.--eine Fistelpatientin,kann dort grundsätzlich nicht operiert werden!, ung. 80 Kaiserschnnitte pro Jahr
    ( angeblich mit manchmal letalen Komplikationen!)
  • Apotheke --äusserst bescheiden!
  • Kein Rö.apparat im Haus!!!!!!—Aufnahmen müssen in Privateinrichtung gegen Bezahlung angefertigt werden. Die Behandlung im Spital ist KOSTENFREI!!

Die Bezirke im Staat Jongley:
1. Hauptstadt und Bezirk Bormit Hospital un PC-Center im Dorf Makuach
2. Piebor: mit PC-Center, Kleinstadt Boma mit Nationalpark und Privathospital
3. Foshula
4. Akobo: mit Hospial
5. Nyrul
6. Duk: mit PCC
7. Ayod: mit PCC
8. Fangak: mit PCC
9. Fujgi
10. Pigi
11. Uror
12. TwicEast

Sa 17.12.
Besuch beim Bürgermeister von Bor in einem außerhalb gelegenen bescheidenen „Amtshaus“.
Mit einem Securitymann fahren wir ung 30 KM ins Dorf Makuach:
Extreme Armut! Eine alleinstehende kränkliche Frau musste eine Kuh verkaufen, um zu überleben. Eine Tochter ist als Kleinkind an Malaria gestorben. In einem 2. „Hof“ finden wir 2 junge Mädchen mit 3 Kleinkindern. Der Vater hat 4 Frauen, je 2 in einem „Hof“ und ung 8 Kinder.
Ausfüllen des Fragebogens. Dieser scheint brauchbar.
Weiterfahrt zum PCC: 3 kleine saubere Häuschen: Ambulanz, Männer- Frauen- Kinder- und Schwangerenstation. Derzeit ung 10 Personen stationär: vorwiegend Malariafälle. Behandlung—auch der Kleinkinder—mit Infusionen. Betreuung durch Med.Ass.,Trad. Hebamme und lowe- grade-Schwester. Sectio nicht erlaubt!! Transporte ins, nur 25 KM entfernte Kr.haus in der Regenzeit nur mit Tragbahre zu Fuss möglich---10 Stunden!! Schwangeren-Todesfälle offenbar mehrmals im Jahr---keine genaueren Angaben!!
Up-Grading des PC-Centrum für kleinere Operationen rel. billig möglich!
Überfall des Dorfes durch Räuberbande: Männer mit Gewehren, Macheten und Stöcken rennen—ferne Schüsse. Fluchtartiges Verlasssen des Dorfes. Polizei oder Militär nicht im Einsatz.
Lunch bei Billy—sehr guter Nilfisch, bei Zauberflötenmusik!
Wanderung durch das „Zentrum“ von Bor, in dem auch Kühe weiden!
Abends lokaler Musikevent im Hotel

So 18.12.
Flug nach Juba, von UN-Blauhelmen „bewacht“
Mittags in vornehmem Restaurant am Nil (Berliner Besitzer), dort Treffen mit ehemaliger (unglaublich dicker) Botschafterin in Wien, eine der Töchter studiert an Internat. Schule. Ihr Mann, ein Chirurg ist General der SS-Army. Werden bekanntgemacht mit Gesundheitsminister und dessen Staatssekretär.
Lange Diskussion mit TuT (Leiter der Prespeterianisch-Evangelischen Kirche des Südsudan) über die Situation der Kirche und deren Projekte (Pflüge und Photovoltaik wichtiger als Traktoren).

Mo. 19.12
Besuch der Generals im Armee-Hauptquartier mit 15.000 Soldaten—3 Jahre Dienst (auch einige Mädchen), dabei auch Weiterbildung. Allgemeine Wehrpflicht ist geplant.
Abends Treffen mit Alam Saifu von AMREF: große Übereinstimmung der Prioritäten, Diskussion über Zusammenarbeit (Up-Grading). AMREF führt ein Ausbildungszentrum in Maridi (ung. 100 KM westlich von Bor) für Med.Ass., Hebammen und Schwestern.

Di. 20.12.
Intensive Besprechungen mit Gesundheitsminister, dessen Stellvertreter und 2 Gynäkologen der Abt. „Reproductive Health“,
anschliessend mit Informationsminister
Die Minister sinnd überrascht über unsere Analyse, wollen eher Spitäler ausbauen (Das braucht viel zu lange und wird keine Mutter retten). Die Anpassung an die Gegebenheiten mancher Nachbarländer—Operationerlaubnis für Med.Ass und Narkoseerlaubnis für Schwestern—wird erkannt, aber (noch) nicht als Priorität gesehen!!

Diskussion der Auffassungsunterschiede zwischen Wolfgang und mir!!
Abends beim „Grossen Chief“

Mi 21.12.
Mit Saifu beim Direktor des Teaching-Hospitals = „Universitätsklinik“, dann beim Chef der Geb.h.-Gyn. Klinik: Beide akzeptieren den mitgebrachten Entwurf eines Kurses zum Up-Grading

Chaotisches Einchecken am Flughafen. Abflug mit 3-stündiger Verspätung!
Ankunft in Kairo erst nach 21 Uhr—dadurch entfällt das Treffen mit dem Handelsdelegierten.

Analyse aus den Erfahrungen der Fact Finding Mission:

Prioritäten für den Südsudan:

1. Bildung auf allen Gebieten:
1.1. Lehrer: Zunächst Kurzausbildung von „Hilfslehrern“, die eventuell auch die Funktion der „Community Worker“ übernehmen, bis ausreichend ausgebildetes Personal vorhanden ist. Anschliessend werden diese „Hilfskräfte“ durch Up-Grading zu vollwertigen Lehrern oder Community Health Workern
1.2. Landwirtschaftsberater und Handwerker, durch Berufsbildung, auch im zweiten Bildungsweg
1.3. Gesundheitssystems:
--Ausbildung der Spezialisten für Primary Care (PC-Units, PC-Zentren)
-- für Secundary Care Worker in Regionalkrankenhäusern
-- für Tertiere Care =Teaching Hospitals=Uni.kliniken
2. Landwirtschaft: Beratung der Bauern zur Felderbestellung (Pflüge statt Traktoren), zum Obst- und Gemüseanbau…….
3. Gesundheitssystem :
3.1. Up-Grading von erfahrenen Medical Assistants, Hebammen und Schwestern zur durchführung von dringenden Narkosen bzw Operationen—Kaiserschnitt (!!)
3.2. Ausbau und Ausstattung von Einrichtungen der Primary, Secundary und Tertier Care
4. Energie (Photovoltaik)
5. Ausbau des Verkehrssystems: Strassenbau, Ausbau Öffentlicher Verkehr durch Busse und Schiffsverbindungen

Up-Grading des mittleren Dienstes und Ausbau der PC-Zentren hat höchste Priorität zur Reduktion der im Südsudan bestehenden höchsten Müttersterblichkeit der Welt (dazu ist wahrscheinlich eine Gesetzesänderung nötig)

Martin Salzer