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Orthopädisches und traumatologisches Schwerpunktzentrum,
Update Mai 2007

 

Ein Reise- und Einsatzbericht von Dr. Sabine Stelzig,
Empfängerin des diesjährigen EZA- Stipendiums (Stipendium zum Kennenlernen der Orthopädie in der so genannten Dritten Welt).

 

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Ghana/ Koforidua Einsatz:

Die Maschine der Alitalia kommt am Samstag, 3. März pünktlich um Mitternacht in Accra, der Hauptstadt Ghanas an und Dr Mayr und ich werden von einem Fahrer des Spitals abgeholt. Um halb drei Uhr morgens erreichen wir  Koforidua und werden trotz dieser Stunde noch vom Leiter des Krankenhauses, Pater John Oppong willkommen geheißen. In unserem Ärztebungalow finden wir TV, Computer einen mit Getränken gefüllten Eisschrank und gottseidank auch Ventilatoren vor und fallen gegen 4h in Tiefschlaf.

Am späten Vormittag des nächsten Tages werden wir von den restlichen Brüdern begrüßt. Das Mittagessen ist uns vertrauter als erwartet: es gibt Brathuhn mit Reis und Salat, Früchte zum Nachtisch. Wir erhalten im Anschluss eine Führung durch das Spitalsgelände, einen 4eckigen Bau, welcher im stationären Bereich durch Männer-, Frauen- und Kinderschlafsäle imponiert, die 135 Betten fassen. In der Mitte ist ein Hof angelegt mit tropischem Garten, wo sich die Patienten untertags im Freien im Schatten aufhalten können. Der OP-Bereich ist einfach, besteht aber immerhin aus 3 OP-Sälen mit Gipsraum. Die Klimaanlage ist alt, funktioniert jedoch einwandfrei.

Der Ambulanzbereich ist groß.  Montag bis Freitag herrscht dort von 9-15 Uhr reger Betrieb. Die orthopädische Versorgung findet  jeden Mittwoch statt, hier werden auch die Patienten für die stationären Aufnahmen und zur Operation rekrutiert.

Nachmittags erkunden wir die nähere Umgebung, finden Papaya und Mangobäume im Garten und ergattern zu unserer großen Freude auch ein paar reife Früchte. Der anschließende Joggingversuch mit Dr. Mayr endet jedoch nach wenigen 100 m an der Hauptverkehrsstraße, auch sonst finden wir nirgends brauchbare Strecken - facit: körperliche Betätigung in den nächsten 2 Wochen doch eher nur im OP.
Am Abend führt uns ein Ordensbruder in die durchaus umtriebige Stadt Koforidua.

Viel Musik gibt es auf den Straßen, und wir treffen auf entspannt wirkende, zufriedene, freundliche Afrikaner.
Am Montag lernen wir gleich in der Früh Dr. Casals kennen, welcher hierorts der leitende und einzige Orthopäde ist, ursprünglich aus Spanien stammt und seit 25 Jahren in Ghana lebt. Wir assistieren uns zum Kennenlernen gegenseitig Plattenentfernungen, die am  Programm stehen. Es ist hier völlig normal, dass entferntes Osteosynthesematerial nach neuerlicher Sterilisation zum Wiedereinbau an anderen Patienten bei Bedarf verwendet wird.

Angeblich ist die Infektionsrate dadurch nicht erhöht.
Beim Lunch erfahren wir, dass am folgenden Tag 50 Jahre Unabhängigkeit in Ghana gefeiert wird und uns daher diese Woche wahrscheinlich nur ein Anästhesist zur Verfügung stehen wird. Nachmittags besuchen wir den stationären Bereich um eventuelle Fälle für diesen nächsten OP-Tag auszuwählen. Die Patienten sind trotz teilweise gravierender Verletzungen und grenzwertig erträglicher Hitze in den Räumlichkeiten ausgesprochen positiv gestimmt. Auch hier werden wir mit großer Herzlichkeit willkommen geheißen.

Durch den Feiertag erschwert sich die Planung des Op-Programms. Inzwischen ist auch Dr Frisee, der Dritte in unserem Bunde eingetroffen, aber noch immer kein 2. Anästhesist und wir bespielen nur einen Operationssaal. Plattenentfernungen sind vorgesehen und im Anschluss führt Dr. Casals mit mir eine Sehnendurchtrennung und Denervierung bei einem 8-jährigen Spastikermädchen durch. Danach noch eine Muskeldurchtrennung mit Sehnenraffung und Sehnenverlagerung.
In den nächsten Tagen werden hauptsächlich Gelenkversteifungen nach lange bestehenden Arthrosen durchgeführt, weiters Plattenentfernungen und Hüftgelenksoperationen.
Gegen 20 Uhr bekommen wir die Nachricht von einem Ambulanztransport mit dem gerade ein Gelähmter im Spital eingetroffen ist. Es handelt sich dabei um einen 25-jährigen Mann, der vor 3 Tagen vom LKW gefallen ist, und seither seine Beine und seinen rechten Arm nicht mehr bewegen kann. Im linken oberen Arm sind noch unkontrollierte Bewegungen zu sehen. Die bereits mitgebrachten Röntgenbilder zeigen eine Luxation der unteren Halswirbelsäule, woraufhin wir gemeinsam nach reiflicher Überlegung und Aufklärung der Ehefrau beschließen, eine Wiedereinrenkung unter Röntgenkontrolle durchzuführen, welche nach bangen Momenten auch erfolgreich endet.
Am Wochenende nehmen wir eine 4stündige Fahrt mit einem Fahrer des Spitals auf uns, um uns den schönsten Platz am Meer zeigen zu lassen. Wir werden auch nicht enttäuscht. Cape Coast/ Elmina Beach ist wohl einer der romantischsten und ruhigsten Orte mit einer Festung, die nahe gelegen über das Meer ragt. Es ist in jedem Fall ein wunderbares Wochenende  und der Erholungswert groß.
Zurück im Spital erreicht uns die gute Nachricht beim Frühstück: Der zweite Anästhesist ist eingetroffen und wir können daher endlich eigenständig einen OP bespielen.
Dr. Frisee nimmt sich daher mit Dr. Mayr eine Unterschenkelplatten- und Schraubenentfernung vor, während ich im anderen OP die Verplattung eines Oberschenkelbruches durchführe. Anschließend operiert Dr. Casals mit Dr Mayr noch eine Marknagelung des rechten Oberschenkelknochens. Der geplante Ausbau einer septisch gelockerten Hüftprothese bei einem 82-jährigen Mann, muss aufgrund stark erniedrigter roter Blutkörperchenwerte abgesagt werden.  
Auch heute kann wieder in zwei Operationssäalen gearbeitet werden. Während Dr. Frisee mit Dr. Mayr eine Marknagelung der Tibia durchführt, operiert Dr. Casals mit mir eine distale Resektion der Ulna bei Luxation derselben.

Im Anschluß wird mir noch die Entfernung einer gebrochenen 12-Loch- Oberschenkelplatte assistiert und Dr. Mayr führt mit Dr. Frisee seinen ersten afrikanischen Girdlestone bei einer alten Schenkelhalsfraktur durch. Es folgen noch zwei weitere Girdlestones an diesem Tag.
Später begutachte ich noch die relativ neuen Sterilisatoren, welche seit längerer Zeit nicht funktionieren. Es zeigen sich völlig verrostete und verbogene Heizstäbe. Beim Mittagessen mit den Ordensmitgliedern wird das Thema auf die Sterilisationsgeräte gelenkt und Hilfe angeboten, ich ernte jedoch große Aufgebrachtheit von dem für den OP-Bereich zuständigen Ordensbruder, da diese Geräte schon mehrfach erfolglos repariert worden sind. Der Orden möchte diese beiden Geräte ausschließlich entsorgen. Die steinalten anderen beiden Geräte würden ihre Pflicht noch zur Genüge erfüllen.

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Am nächsten Tag ist Dr. Casals Ambulanztag. Während Dr. Frisee einem 8-jährigen Buben seinen 3-Monate alten verschobenen Oberschenkelbruch verplattet, lassen Dr. Mayr und ich uns die Chance auf eine neue Erfahrung im afrikanischen Ambulanzbereich nicht entgehen.

Die Verletzungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates, die sich einem hier präsentieren, sind für unsere Breiten Gott sei dank kaum mehr vorstellbar.

Teilweise wirklich „uralte“ Knochenbrüche die seit Monaten bestehen und oft auch eitrig und noch offen sind. Hautablederungen und Knochendeformierungen stehen am Tagesprogramm. Anschließend wird mit Dr. Casals die Möglichkeit besprochen, bis Juni zehn bis fünfzehn Wirbelsäulenpatienten für unsere „Nachfolger“ zu rekrutieren. Dr Casals gibt allerdings zu bedenken, dass kaum Instrumentarium für derlei Eingriffe vorhanden ist. Wir einigen uns darauf, dass er selbst, falls wir aus Wien nicht nochmals Rücksprache halten, Patienten mit Listhesen oder Vertebrostenosen für Laminektomien zur stationären Aufnahme vormerken wird.

Am folgenden Tag operiert Dr. Frisee mit Dr. Mayr vormittags eine Verplattung der Ulna mit pinning des Radius bei Unterarmfraktur und Dr. Mayr assistiert mir einen Girdlestone bei Hüftkopfnekrose bei einem 28-jährigen Ghanaer.

 

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Später lädt uns Dr. Casals  in sein Haus ein. Seine afrikanische Frau hat hervorragend gekocht und noch ein paar Freunde dazu eingeladen. Am Nachmittag wird ein Spaziergang durch den Garten unternommen, in dem Ananas wachsen und drei Schlangen und ein Krokodil hausen. Die Schlangen schlafen und so möchte uns Dr. Casals voller Stolz sein Krokodil präsentieren. Er reizt es mit einem abgebrochenen Zweig, um es ein wenig im Wasser in Bewegung zu versetzen, damit wir durch das trübe Tümpelwasser die vollen Ausmaße erahnen können.
Doch während eines kurzen unachtsamen Momentes, schnellt das Biest aus dem Becken und fasst Dr. Casals. vor unseren Augen in den Unterarm, lässt Gott sei dank nach kurzer Zeit jedoch wieder von selbst ab. Die Bissverletzung zeigt stark blutende Fleischwunden. Es stellt sich jedoch auch ein Taubheitsgefühl der ersten drei Finger der rechten Hand ein.  Nach längerer Diskussion lässt sich Dr. Casals im Spital von uns die Wunde notdürftig behandeln und mit Antibiotika versorgen.
Der nächste Tag wird unser letzter Operationstag für unseren diesmaligen Ghanaeinsatz.
Vormittags stehen noch ein Girdlestone, sowie eine Plattenentfernung am Programm, die Dr. Mayr und ich gemeinsam operieren.

 

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Im Anschluss daran sitzen wir zum letzten Lunch mit den Brüdern zusammen. Dabei können noch ein paar klärende Worte bezüglich der Probleme im Spital diskutiert werden, wofür vor allem Pater John Oppong uns sehr dankbar ist.

Als Abschiedsgeschenk erhalten wir aus farbigen Stoffen gearbeitete Hemden mit dem Emblem des Krankenhauses - eine liebe Geste und schöne Erinnerung.
Gegen 16 Uhr holt uns Bruder Gelasius, der uns mittlerweile schon freundschaftlich vertraut ist, mit dem Wagen ab und es geht wieder Richtung Accra retour, wo wir nach einem weiteren Abend in der Hauptstadt gegen Mitternacht unseren Flieger zurück in die Heimat nehmen- voll mit vielen neuen Eindrücken, Erfahrungen und netten Bekanntschaften, die man nicht mehr missen möchte.

Dr. Sabine Stelzig

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