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Supervision und weiterführende Ausbildung 18.03.- 28.03.2012


TeilnehmerInnen: Dr. Christof Radler, Dr. Tanja Kraus, Mamadou Kone

 

Am Sonntag, den 18. März, reisten wir nach Bamako, um das Klumpfußprojekt zu supervidieren und weitere Therapeuten auszubilden.
Am Montag nahmen wir unseren ersten Arbeitstag im CNAOM auf. Erfreut konnten wir feststellen, dass das Gipsen nach der Ponseti - Technik für die Säuglinge ausgezeichnet beherrscht wurde. Viele Kinder waren bereits an diesem ersten Tag zur Behandlung oder Kontrolle gekommen.
Wie auch wir in Europa nach unserer Anfangsphase, werden unsere malischen Kollegen jetzt zunehmend auch mit Rezidivklumpfüssen konfrontiert. Hier konnten wir das spezielle Vorgehen bei diesen Kindern lehren und vorzeigen.
Im Rahmen eines Treffens mit der Direktorin, dem stellvertretenden Direktor, Dr. Kire und Dr. Kéita wurde uns die neue Betreuerin der Klumpfußeinheit im CNAOM vorgestellt. Die Betreuung wurde von Frau Sidibe abgegeben. Eine neue Kollegin, Frau Coulibali steht hierfür jetzt zur Verfügung. Weiteres wurden die finanziellen Aspekte des Projekts besprochen: das Bugdet wurde bisher nicht, wie zuletzt von der Regierung versprochen, erhöht. Das Geld der Regierung für die Cellule Pied Bot ist primär für CNAOM selbst vorgesehen. Patienten, die für eine Therapie bezahlen können, werden auch in externen Zentren behandelt, alle anderen ausschließlich im CNAOM. Im CNAOM  findet die Klumpfußbehandlung regulär Dienstag und Donnerstag statt.
An unserer Supervisionswoche im CNAOM nahmen diesmal Mitarbeiter des Gesundheitswesens aus verschiedenen Teilen Bamakos und auch aus Segou teil, deren Krankenhäuser im vergangenen Jahr als zusätzliche Behandlungszentren für die Klumpfußtherapie definiert wurden. Viele dieser Mitarbeiter kannten wir bereits von unserem letzten Workshop  - sie behandeln Klumpfüße seit dem letzten Jahr eigenständig.
Insbesondere unsere beiden ärztlichen Mitarbeiter haben hervorragende theoretische Kenntnisse und praktische Erfahrungen mit der Ponseti-Methode. Die Nachkontrollen scheinen gut zu funktionieren und der ABCD Score wird regelmäßig verwendet. Die Kursteilnehmer waren bereits gut in der Ponseti-Methode ausgebildet, hatten aber noch einige Defizite beim Gipsen. Die externen Zentren kämpfen derzeit hauptsächlich mit finanziellen und strukturellen Problemen.  
Nachdem der alte Schuhmacher pensioniert wurde, gibt es einen neuen Schuhmacher der sehr gute Steenbeek-Schienen herstellt. Wie haben viele Patienten gesehen und waren beeindruckt von den guten Ergebnissen.
Am Mittwoch Nachmittag, dem 21.03.2012, hatten wir eine Diskussion über sekundäre Klumpfüße und Details beim Gipsen, als das Telefon von Mamadou Kone klingelte. Wir erhielten die Information, dass es eventuell zu einem Putsch kommen könnte. So fuhren wir zurück ins Hotel und warteten auf neue Nachrichten. Ursprünglich wollten wir uns in einem billigeren Hotel einquartieren in der Nähe von CNAOM – als wir aber die Zimmer dort sahen, entschieden wir uns, aufgrund des untragbaren niedrigen hygienischen Standards für ein besseres Hotel. Im Nachhinein betrachtet, war dies eine sehr gute Entscheidung. Die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag war sehr unruhig, mit heftigen Feuergefechten und Leuchtstreifen, die den Himmel erhellten. Am Morgen zeigten sich die Putschisten im Fernsehen und verkündeten, dass sie jetzt die Macht übernommen hätten. Sie verhängten eine Ausgangssperre, schlossen den Flughafen und die Landesgrenzen. Am Donnerstag nahmen wir Kontakt zu unseren Botschaften auf und auch zu den Außenministerien. Sie wiesen uns an, das Hotel nicht zu verlassen. Am Freitag wurde berichtet, dass es in verschiedenen Hotels zu Plünderungen gekommen sei. Glücklicherweise waren wir in unserem Hotel sicher und gut bewacht. Von Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen erhielten wir viele E-Mails zur moralischen Unterstützung wofür wir sehr dankbar waren. Der Putsch wurde offensichtlich vom Militär unteren Rangs durchgeführt und war nicht gut geplant. Die Putschisten wirkten im Fernsehen unbeholfen und der Situation nicht gewachsen.  Zeitweise gab es das Gerücht eines Gegenputsches, das sich aber wahrend unseres Aufenthaltes nicht bestätigte. Zum Wochenende hin wurden die Schiessereien auf den Strassen weniger, die Situation blieb aber weiter ungewiss. Wir hörten, dass es die Tuareg im Norden Malis geschafft hatten weiter in den Süden vorzudringen und auch schon einige Städte umstellt bzw. erobert hatten.
Am Samstag besuchte uns der ehemalige österreichische Honorarkonsul Peter Klein im Hotel und berichtete, dass es vielleicht am Wochenende zu unserer Evakuierung kommen würde. Wir hielten daher die Koffer gepackt und hatten die wichtigsten persönlichen Sachen und auch unsere elektronischen Geräte im Rucksack stets bei hand.
Im Hotel lief alles seinen regelrechten Gang: alle Angestellten kamen zur Arbeit, waren sehr freundlich und versuchten, die Situation so „normal“ und angenehm wir möglich zu halten. Wir hatten immer Essen, Wasser und Strom. Kenianische Kollegen wurden bereits am Samstag evakuiert. Da der kenianische  Minister Wetangula sich auch in Mali befand, hatte die kenianische Regierung wohl einen längeren Arm.
Am Sonntag am Abend erfuhren wir dann, dass ab Dienstag der normale Flugbetrieb am Flughafen wieder aufgenommen werden sollte. Am Montag war Staatsfeiertag – Erinnerung an den Putsch in den 90er Jahren, der für Mali damals eine demokratische Staatsherrschaft bedeutete. Wir buchten jetzt einen Flug für Dienstag Abend mit der Airfrance. Leider erfuhren wir wenig später, dass dieser Flug bereits abgesagt war. So buchten wir auf Mittwoch um, waren aber zeitgleich unsicher, ob wir nicht zusätzlich eine andere Gesellschaft buchen sollten und uns mit einem Flug nach Nordafrika  - und damit in erster Linie raus aus Mali – abfinden sollten. Es gab zwar Flüge nach Marokko und Algerien, doch ohne sicheres Weiterkommen nach Europa und auch zu einem horrenden Preis. Unsicher war weiterhin, ob die angekündigten Flüge tatsächlich starten würden. So beließen wir es beim Airfrance Flug am Mittwoch.
Am Dienstag herrschte rege Aufbruchstimmung im Hotel. Viele Menschen mit gepackten Koffern warteten in der Halle. Wir zweifelten, ob wir tatsächlich die richtige Entscheidung getroffen hatten, wurden aber bestätigt, als am Abend doch manch einer unserer „Mitwartenden“ wieder im Hotel anzutreffen war.
Mit Konsul Klein hatten wir vereinbart, dass er uns am Mittwoch auf den Flughafen bringt. Gegen 9.30 Uhr wollte er uns abholen. Der Airfranceflug wurde noch am Dienstagabend bestätigt, die Abflugzeit änderte sich aber und war jetzt auf den Mittag vorverlegt. Dies dürfte mit der noch immer anhaltenden Ausgangssperre, die zwischen 18.00 und 10.00 Uhr lag, zusammengehangen haben.
Der Mittwochmorgen erwies sich nochmals als nervliche Kraftprobe, da Konsul Klein auch um 10.00 Uhr noch nicht im Hotel war. Telefonisch kontaktiert berichtete er uns, dass der in eine Demonstration gekommen sei  - mit brennenden Reifen und einer wütenden Menschenmenge – er musste daher einen anderen Weg wählen. Um 10.30 Uhr war er dann bei uns. Wir machten uns auf den Weg zum Flughafen, mussten wegen einer weiteren Demonstration umkehren und fuhren dann problemlos durch die Stadt. Hin und wieder begegnete uns ein Militärfahrzeug. Vor dem Flughafen war ein Stau durch eine Militärsperre verursacht.  Jeder Wagen wurde kontrolliert. Am Flughafen angekommen war eine riesige Menschenmenge vorzufinden. Konsul Klein half uns beim Erledigen der Formalitäten und wartete mit uns auf den Flieger, der dann auch endlich um 13. 00 Uhr eintraf. Nach einer weiteren Stunde durften wir ins Flugzeug einsteigen, um dann wieder 2 Stunden im Flieger zu warten. Da die Crew nicht in Bamako bleiben wollte, musste eine Zwischenlandung in Casablanca durchgeführt werden, um die Flugzeit der Crew nicht zu übersteigen. In Casablanca fand ein Personalwechsel statt. Wir waren sehr erleichtert als der Flieger endlich startete. Nach anfänglich ruhigem Flug gab es über dem marokkanischen Atlasgebirge heftige Turbulenzen. Dann endlich landeten wir in Casablanca. Dort war unsere Geduld erneut gefragt und wir mussten 2 Stunden warten bevor es zum Weiterflug nach Paris kam. In Paris kamen wir nachts um 1.00 Uhr an. Der Flughafen hatte schon zu – die Sessel waren unbequem zum Schlafen und so übten wir uns wieder einmal im Sitzen und Warten bis zu unserem Weiterflug nach Wien Stunden später. Müde, erschöpft aber auch sehr glücklich wieder zuhause zu sein, endete unsere Reise am späten Vormittag in Wien.

Dr. Christof Radler und Dr. Tanja Kraus