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Interview Amela

Ich erinnere mich an alles: an den Sprung, zu dem ich wiederholt sagen muss, er war phänomenal, an den Aufschlag mit den Händen, danach mit dem Kopf, an den Versuch aus dem Wasser zu kommen, an die Reaktionslosikeit meines Körpers, an den Schrei auf der Wasseroberfläche, an den Klang des Wassers als 15 Burschen mir nachgesprungen sind, um mich aus dem Wasser zu ziehen, weil der Rettungschwimmer nirgends zu finden war.Endlich war ich aus dem Wasser heraußen und lag auf dem Beton. Viele fremde, sorgenvolle Augen waren auf mich gerichtet. Da ist aber auch der Blick eines besorgten Freundes, der fragt: "Amela, wie fühlst du dich?" Meine Antwort ist ein Flüstern: "Ich atme schwer, aber sag mir, hat sich mein Bikinioberteil nach oben gezogen, bin ich nackt!?"

Ich höre die Sirene des Notfallfahrzeugs, ich erbreche im Wagen, sie bringen mich an die Klinik. Meine Mutter steht über mir, sie weint. Ich verstehe gar nichts, frage mich, warum sie weint, während ich gleichzeitig mit der Krankenschwester einen Kampf führe, dass sie meinen Bikini nicht durchschneidet, weil – ich bin besorgt, was ich für den Rest der Saison ohne Badeanzug tun werde.

Mein Selbstvertrauen ist rasch wieder da. Ich gehe Wetten ein, wie lange ich in diesem kritischen Zustand sein werde. Nach vier Monaten auf der Intensivstaion, einem Monat auf der Plastischen Chirurgie und zehn Monaten Physiotherapie ohne nennenswerte Besserung wurde ich nach Hause entlassen.

Im Land, in dem wir leben, fehlt es gänzlich an Unterstützungsleistungen, um sich mit

dem auseinanderzusetzen, was auf dich wartet, wenn du eine bleibende Behinderung hast. Ich muss gestehen, ich war eine lange Zeit in einem depressiven Zustand und jeder Blick von anderen hat mich gestört. Dann aber akzeptierte ich meine Behinderung. Ich setzte mein Leben fort wie vorher, nur mit gewissen Anpassungen.

MyRight: Amela passte sich allem an – dem Mangel an systematischer Unterstützung, dem Mangel an Gesellschaftsunterstützung für Menschen mit Behinderungen, den neuen Funktionsbedingungen und hat nicht aufgegeben. Die erste Unterstützung leistete die Familie.

Amela: "Die Behinderung entstand im siebzehnten Lebensjahr, ich hatte vieles erlebt bis dahin und habe meine Persönlichkeit und mein Selbstvertrauen aufgebaut. Ich wünschte, dass alle Menschen begreifen würden, dass eine Behinderung nicht etwas ist, das anderen passiert, sondern jedem passieren kann! In einer Sekunde spazierst und läufst du umher, oder springst – wie ich – und in der nächsten bist du bereits gelähmt und liegst im Bett oder landest im Rollstuhl. Alle schauen dich schräg an, ohne zu verstehen, dass in der nächsten Sekunde auch sie in dieser Situation sein können. Eine Behinderung ist keine Krankheit, sondern ein Zustand, der Veränderungen und Anpassungen verlangt. Aber auch Menschen ohne Behinderung sind nicht für alles geschaffen. Niemand auf dieser Welt, mit oder ohne Behinderung, kann alles tun und sich mit allem beschäftigen: ”Jeder streckt sich, so viel wie er/sie lang ist“.

MyRight: Wenn sich Amela Worte des Stolzes erlaubt, lächelt und die Gesellschaft und den Staat vergisst, die ihr wenig Hilfe gegeben haben, dann merkt man ihre Stärke, die sie sich angeeignet hat.

Amela: Ich bin stolz auf jeden Schritt, den ich im Leben gegangen bin, weil das alles den Menschen aus mir gemacht, der ich bin.

Erfolg ist, aufstehen, wenn du hingefallen bist. Mit dieser Einstellung habe ich einen Doktortittel erlangen können. Ich bin stolz auf meine bisherige Schulbildung, die mich zu meinem Beruf geführt hat, der es mir ermöglicht, eine Unterstützung für meine Eltern zu sein. Ich bin stolz auf meine Arbeit, die es mir ermöglicht, anderen Menschen zu helfen und ich bin stolz, weil ich keine Abstriche gemacht habe – ich mache die Arbeit, die ich immer machen wollte. Das alles verdanke ich meinen Eltern – von Anfang an waren sie mit mir, haben um mein Leben gekämpft und gaben mir all ihre Liebe und Fürsorge. Mit ihnen war alles möglich, bei allem, was ich tun wollte. Sie haben mir erlaubt, ein eigenständiges, selbstbestimmendes Leben zu führen. Sie unterstützten meine Entscheidung, mit einer PA von daheim auszuziehen.

Seit mehr als drei Jahren ist auch mein Verlobter, der immer da ist, wenn ich ihn brauche, eine große Unterstützung.

Auch mit Behinderung kann man ein erfülltes Leben haben.

   
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